Donnerstag, Juni 09, 2011

Beizenalltag

Gestern serviere ich an einem Tisch, den vorher meine Kollegin bedient hat, die Vorspeise. Der Mann fragt, ob er mich etwas fragen darf. Ob ich manchmal Autostop mache. Ich bejahe, und schaue ihn an, und erkenne ihn - er hat mich vor etwa einem Jahr mal von Bern Ostring nach Biel mitgenommen! Ich habe ihm vom Restaurant erzählt, in dem ich arbeite, und ihm eine Visitenkarte gegeben. Er erzählt mir nun, dass er diese Karte an einem Ort aufgehängt habe und immer wieder angeschaut, und schon zweimal wollte er reservieren, aber es war immer ausgebucht, aber heute habe es nun endlich geklappt. So lustig!! Das ist bereits der zweite meiner FahrerInnen. Einmal nahm mich ein deutscher Koch von Pratteln bis Frankfurt mit. Er kam dann einige Monate später auch in mein Restaurant essen.

Später am Abend checkte ein Geschäftsmann ins Hotel ein. Es war bereits 23 Uhr. Er erzählte uns, dass er seit morgens um 3 im Auto sitze und 1'400km gefahren sei. Man merkte, dass er den ganzen Tag allein im Auto gewesen war: Er plauderte aus seinem Leben und erzählte uns alles von Kindheit bis heute. Wir waren zu zweit, und abwechslungsweise hörte immer eine von uns an der Bar zu, während die andere die Arbeit im Keller, in der Küche, im Büro erledigte. Es war unmöglich, auf eine Atempause zu warten und ihn dann zu unterbrechen... Erst als wir beide die Regenjacke angezogen und schon fast den Velohelm aufgesetzt hatten, sagte er: "So, nun hab ich euch genug zugequatscht" und ging schlafen... hahaha

Ich ertappte mich beim Gedanken "Stammgäste xy und yz sind auch schon lange nicht mehr hiergewesen"... "oh nein, ICH war ja neun Monate weg!"
Manche Leute haben uns fast als zweites Wohnzimmer. Ein Vater, der etwa drei Tage pro Woche zu seiner Tochter schaut, sitzt bei uns im Haus/Garten, seit sie auf der Welt ist. Inzwischen ist sie etwa zwei. So sehen wir sie aufwachsen und wenn sie einmal gross ist, will sie sicher Kellnerin werden.

Manche Hotelgäste, die zum Beispiel nur noch das kleineste Zimmer bekommen haben weil sie so spät reservierten, kommen zum Check in und rümpfen die Nase "Wie, so klein? Haben Sie kein grösseres Zimmer mehr?". Zum Glück sind diese Gäste selten. Die meisten reagieren total begeistert. Zum Beispiel oben erwähnter Geschäftsmann. Er hatte die Dachsuite. Bei der Zimmerbesichtigung rief er aus: "Was soll ich denn hier allein tun? Da kann ich ja nur singen und tanzen!". I love my job.

3 Kommentare:

die Vorgärtnerin hat gesagt…

Beizen.
Wieder so ein schweizer Wort, das ich nicht kenne.
Steth es für Kellnerin?
Für Hotel oder Restaurant?
Für Gäste?

Ich bitte um ein Portiönchen polyglotter Bildung.

Hübsche Geschichte, übrigens. Danke. :-)

cee hat gesagt…

Liebe Juppi,

ich habe mich erkundigt.. Beiz kommt ursprünglich aus dem hebräischen bayiṯ, „Haus“. Es steht heute in der Schweiz, teils in Österreich und teils in Süddeutschland für eine Kneipe. Wo ich arbeite, ist es ja eher ein Restaurant. Aber umgangssprachlich wird "Beiz" auch für das benutzt.
Liebe Grüsse! Und alles Gute zum Geburtstag!!

die Vorgärtnerin hat gesagt…

1. danke,
2. danke!