Dienstag, Juli 14, 2015

Die schnellste Kellnerin der Welt

Am Freitagabend gingen wir alle zusammen auswärts essen. Der Produzent nahm uns in dieses Untergrund-In-Restaurant irgendwo in Portland unter einer Autobahnbrücke, vollgepackt mit den unterschiedlichsten Menschengruppen: Familien mit Babies, tätowierten biertrinkenden Männern, verliebten Pärchen, Geburtstage,..  Wir waren eine Gruppe von 8 Leuten, und ich sass ganz am Rand, während unsere Konversation am entgegengesetzten Ende zentriert war. Somit musste ich mich immer richtig reinlehnen, um überhaupt etwas zu verstehen. Das gute daran war, dass ich viel Zeit hatte, das Restauranttreiben zu beobachten. Was mich als Serviceangestellte immer interessiert. Schon recht bald stach mir eine bestimmte Kellnerin ins Auge. Sie schien mehr eine Art "Unter-Kellnerin" zu sein, denn alles was sie tat, war, überall Wasser nachzuschenken (das ist Standard in praktisch allen Restaurants: Gratis Hahnenwasser) und leere Teller abzuräumen.

Sie schien extrem jung, vielleicht 17, aber das täuschte vielleicht auch, weil sie so klein und dünn war. Sie hatte lange, braune, leicht gelockte Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Während alle anderen Kellner und Kellnerinnen herumliefen, bewegte sie sich in einer Mischung aus Rennen und Tanzen fort. Ihr Pferdeschwanz wippte wild auf und ab. Tanzen wohl deshalb, weil sie sich in Windeseile um entgegenkommende oder zu langsam ihr vorangehende Leute herumschlängelte.

Noch nie habe ich eine Kellnerin wie sie gesehen. Sie nahm ihren Job derart ernst, dass ich kaum meinen Blick von ihr abwenden konnte. Das Restaurant war recht gross und jeder Platz besetzt, mit einer Warteschlange draussen. Dennoch konnte ich kaum mehr als zwei Schluck Wasser trinken, bevor sie schon herangewippt kam, um nachzuschenken. Dies tat sie mit soviel Schwung, dass regelmässig ein grosser Gutsch Wasser daneben ging und das Tischtuch tränkte. Und wenn nicht, dann war das Glas wirklich bis zum obersten Rand voll. Ich übertreibe nicht! Ich schaffte es nie, das Glas halbleer zu trinken, so oft ich es auch versuchte, grad extra. Am Ende musste ich so dringend auf Klo, dass ich meine Versuche bereute.

Auch beim Abräumen war sie eine Wucht: Kaum hatte man die letzte Gabel voll in den Mund gesteckt, war die junge Dame schon zur Stelle und riss den Teller weg. Sie hatte auch keinerlei Hemmungen, direkt auf dem Tisch alles auf- und ineinanderzubeigen, was irgendwie leer aussah, und es dann auf ihre schon mit leerem Geschirr vollen Arme raufzubugsieren, so dass man Angst hatte, der Berg dreckigen Geschirrs würde gleich auseinanderbrechen. Aber sie schaffte es jedesmal. Meine Tischnachbarn wehrten sich.. Sie wollte ein praktisch leeres Weinglas abräumen - das Paar war noch mitten am essen - als die Frau es packte und zur Kellnerin sagte, es habe imfall noch einen kleinen Schluck drin. "Sorry". Die Frau zog die Augenbrauen hoch und sagte zu ihrem Partner: "She's going for it..!". Und kaum hatte sie den letzten Tropfen Wein getrunken, war die Kellnerin da und schnappte sich das Glas. Bevor sie wieder mit einem übervollen Krug Wasser heranbrauste und uns allen überfliessend und in atemberaubendem Tempo einschenkte.

Auch wenn dieser Text das Potential hat, sie lächerlich darzustellen oder zu übertreiben - nichts davon ist meine Absicht. Ich war einfach extrem fasziniert von ihr und konnte es kaum glauben. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden schneller arbeiten sehen.

Als ich am Schluss so dringend auf Klo musste, und es nicht fand, war sie plötzlich neben mir und zeigte mir den Weg. Ich drehte mich um und strahlte sie an: "You are the most amazing waitress I have ever seen!"

Montag, Juli 13, 2015

Northwest is best

Amerika. Hin- und hergerissen bin ich in meinen Gefühlen. Wenn ich Zeitungsberichte lese über Polizeibrutalität und Gefängnisrealität hier, dann möchte ich nie mehr wieder hier einreisen. Aber wenn ich da bin und durch die Strassen laufe, Menschen hier begegne, möchte ich nie mehr wieder weg. Ich bin hier ja nie in derselben Realität wie diejenigen, die hier wohnen. Ich muss nicht arbeiten und verdienen gehen. Ich kann gemütlich ein paar Blocks rauflaufen und mir einen iced decaf soy latte kaufen in der lokalen kleinen Kaffeerösterei, und dann den ganzen Tag herumhängen, wenn ich will. Und das mache ich. Wann war das letzte Mal, wo ich so wenig gearbeitet habe? Es fühlt sich komisch an. Ein Kind zu wachsen ist in diesem Monat meine Hauptbeschäftigung. Und es wächst - der Bauch ist schwer geworden, ich kann mich nicht mehr auf meinen Knien aufstützen beim Sitzen, auf dem Rücken liegen tut weh, auf der rechten Seite liege ich dem Kind auf dem Kopf und es reklamiert, zudem rutscht dann das ganze Baby schmerzhaft in meine rechte Seite hinein und zieht alles mit sich. Auf der linken Seite geht noch am besten, aber mit der Zeit zieht es auch dort alles mit sich nach links, das Kind rutscht in die Mitte. Lustig, mal sowas zu erleben.

Von meinem Fenster aus sehe ich, wie ein obdachloser Mann die Mülltonnen nach Pfandflaschen und -dosen durchforstet. Was kann ich tun, was soll ich tun?

Ich schaue auf google maps nach, welche Gemeinden es in meiner Umgebung hat. Inzwischen bin ich nämlich ganz alleine hier. Zufällig entdecke ich eine Vineyard church, die erst noch sehr gut per Bus erreichbar ist. Im Bus sitze ich mit Leuten, denen es so egal ist, was andere von ihnen denken. Wie sie angezogen sind, wie sie ihre Haare tragen. 60-jährige Männer mit schulterlangem Haar und Bart, Jeans-Gilet und extravaganten Ketten, diskutieren, wie sie damals nach ihrem Gefängnisaufenthalt per Autostop herumgereist sind. Der Busfahrer ist auch Teil ihrer Unterhaltung. Ich ziehe am Seil, das innen an den Seitenwänden des Busses entlangführt. Der Bus hält an und ich steige aus.

In der church, die hier sehr klein ist, falle ich natürlich sofort als Neue auf und werde angesprochen. Am Ende des Gottesdienstes habe ich eine ganze Zeile neuer Freunde, die allermeisten davon sind über 60. Mit einem extrem herzigen Paar, das seit 56 Jahren verheiratet ist, gehe ich noch mittagessen.

Heute will ich es mal wagen, per Bus nach Portland zu fahren. Ohne Strassenkarte, ohne Internet unterwegs. Ich habe mir die wichtigsten Strassen mit Kugelschreiber in mein Notizheft gezeichnet und die Bus-Abfahrtszeiten. Am Abend werde ich packen und morgen abfliegen.

Grüsse aus dem Pazifik-Nordwesten!

Montag, Juli 06, 2015

Verrücktes Unternehmen als Musikerfrau

Die Worshipband meines Mannes, in der auch meine anderen beiden MitbewohnerInnen und zwei Freunde sind, ist gerade das Wunder am erleben, dass sie dank einem erfolgreichen Crowdfunding ihr zweites Album in den USA aufnehmen können. USA, weil ihr Wunschproduzent dort ein Studio hat und mit ihnen zusammenarbeitet. Gianni's Onkel wollte die Band auch unterstützen und ihnen seine vielen Flugmeilen abtreten, die er durch Geschäftsreisen gesammelt hat. Aber genau im Zeitraum, wo die Band fliegen musste, hatte es keine Meilentickets mehr. Also nutzte ich die Gunst der Stunde, und buchte einen Flug für mich... eine Woche später als die Band, und drei Tage nach der Band zurück. Kurz vor der Woche, ab der die meisten Fluggesellschaften keine Schwangeren mehr mitnehmen.

CRAZY!!!!

Unglaublich, Ende letztes Jahr spinnten wir mit der Band herum, wie krass es doch wäre, mit diesem Produzenten zusammenzuarbeiten. Wenn man unglaublich verrückt wäre, könnte man ihn ja mal anschreiben.. Und aus dieser ersten verrückten Kontaktaufnahme entwickelte sich dann so viel! Zuerst ein Skype-Coaching für's Songwriting, dann die Idee, ihn einzufliegen, und schlussendlich der Schritt aus dem Boot aufs Wasser, Geld zu sammeln, um die ganze Band nach Portland, Oregon, zu fliegen. Wir alle wussten, das geht nur, wenn es gehen soll, wenn Gunst dabei ist, wenn es übernatürlicherweise möglich wird. Und das Geld kam zusammen. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viel Grosszügigkeit erlebt! Nur etwa 100 Personen brachten den Betrag zusammen, was ziemlich krass ist. Mehrere gaben 1'000.-, jemand 2'000.-, jemand gar 5'000.-, aber ich bin auch berührt von der Person, die 5.- gab, oder die vielen 25.- im CD-Vorverkauf.

Und jetzt sitze ich hier im Studio, höre den Song, dessen Entstehung ich in den letzten Monaten von Anfang an miterlebt habe, von der ersten Idee bis zu einem Entwurf für die Melodie. Wir brüteten über dem Text, zählten Vokale, die Autorin verschanzte sich stundenlang und probierte diverse Wörter, Zeilen aus. In der WG diskutierten wir über die Theologie gewisser Songs, daraufhin wurden manche Wörter ausgewechselt, anderes hervorgehoben. Heute wird der Song eingespielt. Nach dem ersten Durchgang tigert der Produzent im Studio herum.. "ok guys, let's try some things out". Er schlägt eine andere Gitarre vor, stellt Effekte ein, geht zum äusserst attraktiven Pianisten und studiert an der Notenfolge herum. Absolut faszinierend für mich, das mal live mitzuerleben. Ich merke, wieviel Arbeit hinter einer CD steckt oder stecken kann.

Und das Reisen als Hochschwangere? Ich musste mir selbst eine Thrombose-Prophylaxe-Spritze in den Oberschenkel jagen, was auf einem WC im Pariser Flughafen besser ging als erwartet. Dann stand ich zuhinterst in der Schlange für ins riesige A380-Flugzeug, als plötzlich eine Sicherheitsangestellte auftauchte: "are you pregnant? Come with me!". Ups, dachte ich, jetzt will sie mich interviewen, ob ich vorhabe, das Kind in den USA zu bekommen... aber nein, keine zwei Minuten später sass ich als eine der allerersten schon im Flugzeug, und der Flugbegleiter brachte mir sofort ein zweites Kissen, damit ich es zwischen Bauch und Gurt klemmen könne. Ich verbrachte die nächsten zwölf Stunden damit, unglaubliche Mengen an Wasser zu trinken, mindestens 10x die Toilette aufzusuchen und dort auf engstem Raum alle möglichen und unmöglichen Gymnastikübungen zu machen. Ausserdem schaute ich drei Filme, darunter "12 years a slave", in dessen Verlauf ich mehrmals Szenen vorspulen musste, weil es so schrecklich war, und an dessen Ende ich tränenüberströmt und in mein Taschentuch schluchzend dasass.

In San Francisco wartete schon mein Cousin, und fuhr mich in dreieinhalb Stunden nach Redding. Nach Hause. Ich musste fast weinen, und wollte nie mehr wieder weg. Freitagabend, direkt ins Bett, Samstag traf ich drei Freundinnen, es war der 4. Juli, Nationalfeiertag, am Abend ein RIESEN Feuerwerk, so liess ich es mir erzählen, ich hörte noch ein paar dumpfe Explosionen als ich ins Koma fiel. Die Band war inzwischen von Portland runtergefahren (7h). Sonntagmorgen: Gottesdienst in Bethel, wo ich bitterlich den Tod eines Bekannten beweinte, endlich beweinen konnte, der am Freitag in Deutschland beerdigt worden war.

Dann Mittagessen, Einkauf für die Reise, und eine 8-Stunden-Fahrt in den Norden. Als wir um Mitternacht ankamen, war ich so durch mit meinen Kräften, dass ich nur noch den Tränen nahe herumklagte, es wäre besser gewesen, ich wäre einfach in der Schweiz geblieben, und überhaupt war alles schrecklich, ich musste ständig auf Klo und hatte Rückenschmerzen. Heute Morgen sah dann alles anders auf, als ich als andere Person aufwachte :-)


Liebe Grüsse aus Portland!