Mir geht schnell etwas zu schnell. Wenn plötzlich rumgehetzt wird und ich nicht mehr mitkomme, werde ich ulidig. Ich kann mich nicht konzentrieren wenn um mich herum gehüschtert wird, wenn Schranktürzuschmeissen auf Klospülung folgt und zwar innert 15 Sekunden, wenn Türen aufgerissen werden und Geschirr innert Augenblicken gespült wird.
Anders ist es draussen: Velofahren kann nicht schnell genug gehen, besonders in der Stadt, besonders wenn andere Verkehrsteilnehmerinnen oder -teilnehmer unterwegs sind. Das macht mich wortwörtlich rasend. Da kenne ich nichts. Ich mag nicht hinter einem Opa-auf-dem-Mofa in einer Abgaswolke schleichen, ich habe keine Zeit um zu warten bis die Ampel grün zeigt; beim ersten Anzeichen von orange bin ich weg. Oder im Bahnhof: Will ich mein Leben damit verbringen, von der Zugtür zum Bahnhofausgang zu gelangen? Je mehr Leute, desto besser, dann erst kann ich das durch-die-Masse-schlängeln üben.
Zuhause aber muss ein Ort der Ruhe sein. Ein Hort der Ruhe. Vom ersten Erwachen bis zum Aufstehen muss ich die ersten Gedanken ankommen lassen, muss sie sammeln und ordnen, mich mit ihnen anfreunden, sie kennenlernen, sie greifen können. Dann folgen die Geräusche um mich. Die Ruhe und ich und die Welt draussen.
Frühstück heisst für mich, drei Stunden lang zu lesen, zu schreiben, zu denken, und dabei meinen Körper für den Tag zu stärken.
Zeitung holen heisst für mich, den Garten links und rechts vom Weglein betrachten, die Blumen bestaunen, schauen was die Katze der Nachbarin sucht, den Kirchturm von gegenüber mustern, die Zeitung aus dem Briefkasten fischen und beim zurücklaufen bereits die Titelseite zu lesen.
Wenn ich plane, den 12.45-Zug zu nehmen, werde ich in den um 13.15 steigen. Frühestens. Wenn ich unbedingt noch heute Milch einkaufen muss, kaufe ich sie halt morgen. Wenn ich Stress habe, brauche ich mehr Zeit, ganz einfach. Sogar mein Zyklus dauert länger als ein Zyklus dauert.
Ich bin zu schnell, wenn ich vergesse was ich soeben gedacht habe. Gedanken müssen aufgeschrieben werden können. Gedanken müssen gedacht werden können und überdacht auch. Überdacht, lustiges doppeldeutiges Wort.
Langsamkeit birgt viele wunderbare Geheimnisse in sich. Langsamkeit ist super.
Ui, jetzt fährt dann aber schon bald der 13.15 Zug.
NACHTRAG: Langsamkeit ist ein Privileg. Hat man nichts zu tun, herrscht statt Langsamkeit meist Langeweile. Langsamkeit geht nur, wenn etwas zu tun ist. Ich könnte mir Langsamkeit nicht leisten. Aber sie drängt sich mir auf. Ich gebe nach. Die Langsamkeit ist nicht immer da, aber der Versuch sie bei sich zu behalten, lohnt sich allemal.