Samstag, Februar 15, 2014

Sterben loslassen

Ende letztes Jahr reichte ich folgenden Text in einem Essaywettbewerb ein, zum Thema Sterben/Ewiges Leben. Da er es wie erwartet nicht unter die ersten drei schaffte (aus 272 Texten..), veröffentliche ich ihn nun hier:

Sterben loslassen

Ich solle meinen Frieden mit dem Tod schliessen. Ich schliesse nicht meinen Frieden mit dem Tod.

2013. Ich begann, mich glutenfrei zu ernähren, und wurde zuerst zur Vegetarierin, dann zur Veganerin. Nein, ich muss das anders formulieren: Ich entdeckte, dass es die Möglichkeit gibt, mich zu ernähren, ohne dass etwas wegen mir getötet werden muss. Das mit dem Töten wollte ich nicht mehr, seit ich mich intensiver mit dem Leben auseinandersetzte. Wie alles begann, weiss ich nicht genau. Aber ich habe meinen Frieden mit dem Leben geschlossen.

Ich wurde geboren und wurde zu einem Kind, das weinte, wenn andere Kinder Wasser in Ameisennester gossen, und das nach einem sommerlichen Platzregen die vertrocknenden Regenwürmer auf dem Schulhausplatz einsammelte und in den rettenden Schatten des Apfelbaumes des Abwarts legte.

Aber erst als ich vor einigen Monaten in der Bibel über Matthäus 10,8 stolperte, begannen sich mir Fragen aufzutun, in die ich immer noch hineinblinzle wie ein Neugeborenes in die Welt. „Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Was ihr umsonst bekommen habt, das gebt umsonst weiter“, sind die Worte von Jesus an seine Jünger an dieser Stelle. Den christlichen Glauben hatte ich bis dahin immer mit Nächstenliebe und ja, auch mit Wundertaten und Heilungen in Verbindung gebracht. Aber wenn jemand starb, hörte ich Tröstungen wie „Sein Leben war abgeschlossen“, „Gott hat sie heimgerufen“ oder „Alles hat seine Zeit; Leben hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit“. Ich jedoch hatte zum Sterben keine Zeit. Ich hatte Hunger aufs Leben, und beklagte mich immer wieder, dass ich mindestens drei Leben bräuchte, um alle Projekte zu verwirklichen, die in mir schlummerten oder bereits erwacht waren.

Mehrere Menschen in meinem näheren Umfeld waren gestorben. Ich hatte die Zerstörung erlebt, die Krebs in einem Körper anrichtete bis hin zum Tod. Meine Tante wollte ihr Leben nicht mehr und setzte ihm ein Ende. Mein texanischer Freund wurde einige Meter von mir entfernt unter Polizeischutz zum Herzstillstand gebracht, und meine Mutter sehnte sich nach dem Himmel, wo alles gut wäre. Mich trieb die Frage, was es jenseits des Existierens noch gibt, und ich wollte das Leben schlucken.

Lebten wir alle ewig, was würden wir dann tun? Wenn alle Kriegstoten wieder auferweckt würden, würden ihre Feinde sie wieder und wieder abschiessen? Würden wir Kind bleiben bis 80, wenn uns 400 Lebensjahre bevorstünden? Gäbe es Liegebänke in Liften, weil sie so lange fahren müssten in den Wolkenkratzern die wir bräuchten, um alle Menschen unterzubringen? Bekämen wir überhaupt ein Platzproblem oder hätten wir in der Zwischenzeit Lösungen gefunden, die Sahara grün und bewohnbar zu machen? Wie sähe unsere Entwicklung in 100, 200, 500 Jahren aus, wenn die Entwicklung von Menschen kommt, die das Leben umarmt haben?

Dies führt mich zu meiner nächsten Frage: Könnte man noch nach der „Nach mir die Sintflut“-Mentalität leben, wenn es gar kein „nach mir“ mehr gibt, weil man einfach ewig bleibt? Wenn es kein nach mir mehr gibt, gilt höchstens noch: Mir die Sintflut.

Ich selbst lebte eine Zeit lang danach. Ich war die Sintflut, ich surfte die Sintflut. Leben war nicht mehr noch nicht und noch nicht nicht mehr. Aber dann begann ich, das Leben zu umarmen, und ich schloss Frieden mit ihm. Ich entdeckte die Liebe zum Leben; und der Tod ist mir heute so fern wie noch nie zuvor.

Sterben – so etwas absurdes; warum sollte man sterben müssen? Der Mensch war ursprünglich nicht zum Sterben geschaffen worden, sondern zum Leben. Erst später wurde die Lebenszeit auf 120 Jahre begrenzt, und auch die wurde bis heute bereits mehrmals überschritten. Als Jesus von den Toten auferstand, hatte er damit den Tod selbst besiegt. Schon vorher hatte er seine Jünger im oben zitierten Matthäus 10 Vers 8 angewiesen, die Toten aufzuwecken.

Wenn es einen Gott gibt, der Schöpfer ist, der Leben erschafft und gibt, wie fern von ihm muss dann Krankheit, Zerstörung und Tod sein. Im Hof des Friedens scheinen die Toten zu liegen, dabei sind sie schon lange nicht mehr dort, und ich liege schon gar nicht dort. Ich bin zu beschäftigt, zu erforschen, was mich am Leben erhält. Ein saures Klima ist nicht gut für meinen Körper, lese ich, höchstens Krebszellen entwickeln sich prächtig dort. Also suche ich nach basischer Nahrung und lerne, dass alles tierische sauer ist. Mein Mann zeigt mir Filme über Weizen, und wie dieser soviel anders war vor Hunderten von Jahren. Wir steigen um auf Hirse und Quinoa. Ich bestelle Bücher über Sprossenzucht, studiere stundenlang die Waren im Bioladen, und zerbreche mir den Kopf über der Frage, ob Quinoa aus Südamerika oder Weizen vom Nachbardorf besser ist. Währenddessen sterben tausende von Menschen in Syrien, im Sudan, auf den Philippinen. Und doch habe ich ein Leben, mein Leben, hier in der sicheren Schweiz; was mache ich nun damit? Ich arbeite weiter, serviere Kalbsschnitzel und Bielerseefelchen, lese mich anschliessend durch Weltgeschehen und Rohkostartikel, und hoffe inständig, alle würden aufhören zu rauchen.

Sie müsse loslassen können, wird meiner Grossmutter nach dem Tod ihres Mannes gesagt. Hänge ich am Leben, oder kann ich erst leben, wenn ich das Sterben loslasse?

Donnerstag, Februar 06, 2014

normal ungesund oder gesund abnormal

Lustig, dass ich plötzlich von allen Seiten höre, wie ich aufpassen soll wegen Mangelerscheinungen, und dass ich zum Arzt gehen soll für eine Blut-Untersuchung.

Dabei ernährte ich mich fast mein ganzes Leben lang mangelhaft. Als ich täglich Süssigkeiten in mich stopfte, keine Früchte ass, leichtes Übergewicht hatte und mich hauptsächlich von Pasta ernährte, schien niemand um meine Gesundheit besorgt zu sein.

Nie kochte ich mit Rahm, nur sehr selten kaufte ich Fleisch, höchstens Milch fand täglich ihren Weg in mein Müesli oder meinen Kaffee. Auf der Arbeit hingegen ass ich fast täglich Fleisch, meistens rotes Fleisch. Ich hatte chronischen B-12- und Eisenmangel und musste schmerzhafte Depotspritzen ertragen.

Seit ein paar Monaten esse ich kein Fleisch und keinen Fisch mehr, und seit ein paar Wochen ernähre ich mich komplett von pflanzlichen Produkten. Mehrmals täglich esse ich Gemüse und Früchte, dazu so gesunde Getreide wie Hirse, Buchweizen oder Quinoa (ist zwar kein Getreide). Ich achte mich mehr denn je auf vielfältige und frische Kost, und zum ersten Mal in meinem Leben probiere ich Rezepte aus und bin in Kochbücher versunken. Vor einem Jahr, als ich praktisch kein Fleisch mehr ass und vor allem bereits keine Milch mehr konsumierte, testete ich mein Eisen und B12, und das erste Mal in meinem Leben war es im Normalbereich. Und ausgerechnet jetzt kommen Freundinnen, Chefinnen und Kollegen auf mich zu und sind besorgt um meine Ernährung, meine Gesundheit? Es ist faszinierend und bringt mich zum schmunzeln.