Sterben
loslassen
Ich
solle meinen Frieden mit dem Tod schliessen. Ich schliesse nicht
meinen Frieden mit dem Tod.
2013.
Ich begann, mich glutenfrei zu ernähren, und wurde zuerst zur
Vegetarierin, dann zur Veganerin. Nein, ich muss das anders
formulieren: Ich entdeckte, dass es die Möglichkeit gibt, mich zu
ernähren, ohne dass etwas wegen mir getötet werden muss. Das mit
dem Töten wollte ich nicht mehr, seit ich mich intensiver mit dem
Leben auseinandersetzte. Wie alles begann, weiss ich nicht genau.
Aber ich habe meinen Frieden mit dem Leben geschlossen.
Ich
wurde geboren und wurde zu einem Kind, das weinte, wenn andere Kinder
Wasser in Ameisennester gossen, und das nach einem sommerlichen
Platzregen die vertrocknenden Regenwürmer auf dem Schulhausplatz
einsammelte und in den rettenden Schatten des Apfelbaumes des Abwarts
legte.
Aber
erst als ich vor einigen Monaten in der Bibel über Matthäus 10,8
stolperte, begannen sich mir Fragen aufzutun, in die ich immer noch
hineinblinzle wie ein Neugeborenes in die Welt. „Heilt Kranke,
weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Was ihr
umsonst bekommen habt, das gebt umsonst weiter“, sind die Worte
von Jesus an seine Jünger an dieser Stelle. Den christlichen Glauben
hatte ich bis dahin immer mit Nächstenliebe und ja, auch mit
Wundertaten und Heilungen in Verbindung gebracht. Aber wenn jemand
starb, hörte ich Tröstungen wie „Sein Leben war
abgeschlossen“, „Gott hat sie heimgerufen“ oder „Alles hat
seine Zeit; Leben hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit“. Ich
jedoch hatte zum Sterben keine Zeit. Ich hatte Hunger aufs Leben, und
beklagte mich immer wieder, dass ich mindestens drei Leben bräuchte,
um alle Projekte zu verwirklichen, die in mir schlummerten oder
bereits erwacht waren.
Mehrere
Menschen in meinem näheren Umfeld waren gestorben. Ich hatte die
Zerstörung erlebt, die Krebs in einem Körper anrichtete bis hin zum
Tod. Meine Tante wollte ihr Leben nicht mehr und setzte ihm ein Ende.
Mein texanischer Freund wurde einige Meter von mir entfernt unter
Polizeischutz zum Herzstillstand gebracht, und meine Mutter sehnte
sich nach dem Himmel, wo alles gut wäre. Mich trieb die Frage, was
es jenseits des Existierens noch gibt, und ich wollte das Leben
schlucken.
Lebten
wir alle ewig, was würden wir dann tun? Wenn alle Kriegstoten wieder
auferweckt würden, würden ihre Feinde sie wieder und wieder
abschiessen? Würden wir Kind bleiben bis 80, wenn uns 400
Lebensjahre bevorstünden? Gäbe es Liegebänke in Liften, weil sie
so lange fahren müssten in den Wolkenkratzern die wir bräuchten, um
alle Menschen unterzubringen? Bekämen wir überhaupt ein
Platzproblem oder hätten wir in der Zwischenzeit Lösungen gefunden,
die Sahara grün und bewohnbar zu machen? Wie sähe unsere
Entwicklung in 100, 200, 500 Jahren aus, wenn die Entwicklung von
Menschen kommt, die das Leben umarmt haben?
Dies
führt mich zu meiner nächsten Frage: Könnte man noch nach der
„Nach mir die Sintflut“-Mentalität leben, wenn es gar kein „nach
mir“ mehr gibt, weil man einfach ewig bleibt? Wenn es kein nach mir
mehr gibt, gilt höchstens noch: Mir die Sintflut.
Ich
selbst lebte eine Zeit lang danach. Ich war die Sintflut, ich surfte
die Sintflut. Leben war nicht mehr noch nicht und noch nicht nicht
mehr. Aber dann begann ich, das Leben zu umarmen, und ich schloss
Frieden mit ihm. Ich entdeckte die Liebe zum Leben; und der Tod ist
mir heute so fern wie noch nie zuvor.
Sterben
– so etwas absurdes; warum sollte man sterben müssen? Der Mensch
war ursprünglich nicht zum Sterben geschaffen worden, sondern zum
Leben. Erst später wurde die Lebenszeit auf 120 Jahre begrenzt, und
auch die wurde bis heute bereits mehrmals überschritten. Als Jesus
von den Toten auferstand, hatte er damit den Tod selbst besiegt.
Schon vorher hatte er seine Jünger im oben zitierten Matthäus 10
Vers 8 angewiesen, die Toten aufzuwecken.
Wenn es
einen Gott gibt, der Schöpfer ist, der Leben erschafft und gibt, wie
fern von ihm muss dann Krankheit, Zerstörung und Tod sein. Im Hof
des Friedens scheinen die Toten zu liegen, dabei sind sie schon lange
nicht mehr dort, und ich liege schon gar nicht dort. Ich bin zu
beschäftigt, zu erforschen, was mich am Leben erhält. Ein saures
Klima ist nicht gut für meinen Körper, lese ich, höchstens
Krebszellen entwickeln sich prächtig dort. Also suche ich nach
basischer Nahrung und lerne, dass alles tierische sauer ist. Mein
Mann zeigt mir Filme über Weizen, und wie dieser soviel anders war
vor Hunderten von Jahren. Wir steigen um auf Hirse und Quinoa. Ich
bestelle Bücher über Sprossenzucht, studiere stundenlang die Waren
im Bioladen, und zerbreche mir den Kopf über der Frage, ob Quinoa
aus Südamerika oder Weizen vom Nachbardorf besser ist. Währenddessen
sterben tausende von Menschen in Syrien, im Sudan, auf den
Philippinen. Und doch habe ich ein Leben, mein Leben, hier in der
sicheren Schweiz; was mache ich nun damit? Ich arbeite weiter,
serviere Kalbsschnitzel und Bielerseefelchen, lese mich anschliessend
durch Weltgeschehen und Rohkostartikel, und hoffe inständig, alle
würden aufhören zu rauchen.
Sie
müsse loslassen können, wird meiner Grossmutter nach dem Tod ihres
Mannes gesagt. Hänge ich am Leben, oder kann ich erst leben, wenn
ich das Sterben loslasse?
