Dienstag, Oktober 13, 2015

Neues Leben

Meine Güte! 8 Wochen ist es her!
Schwierig, mit einer Hand Blogeinträge zu verfassen... die andere Hand hält:

GIOSUÈ Emanuele Kabod, geboren am Dienstag, 18. August um 6:16 Uhr bei uns zuhause.





Samstag, August 08, 2015

Umziehen, Einziehen: Nestbau und Windelsysteme

Zuerst musste ich packen... dann kam das Zügeln.. dann war alles in Schachteln.. ist immer noch.. besonders mein Computer-Ladekabel - irgendwo verschollen und noch in keiner Kiste aufgetaucht bis jetzt.. zudem hatten wir noch kein Internet, weil wir zur zufällig nach vielen Tagen herausfanden, dass der eine Telefonanschluss im Wohnzimmer gar nicht funktioniert, und wir einen anderen benutzen müssen. Aber JETZT hab ich zumindest das Ladekabel meines Mitbewohners ausleihen dürfen, hab somit wieder einen Computer, und auch Internet. Hallo Blog!

Seit letztem Mittwoch hat meine Hebamme Rufbereitschaft für uns. Das heisst: Das Baby dürfte theoretisch jeden Moment kommen, ohne dass wir notfallmässig ins Spital müssten. Der "Geburtstermin" ist in zweieinhalb Wochen. Aber was lernte ich über den Geburtstermin? Beachte ihn nicht. Das Baby soll dann kommen, wenn es soweit ist, ob das nun zwei Wochen vorher oder zwei Wochen nachher ist, oder irgendwann dazwischen.

Gestern dachte ich schon, es sei soweit. Ich war ziemlich aktiv, aber fand nicht, ich hätte übertrieben. Am frühen Abend fing es dann an mit den "Harten Bäuchen", den Übungswehen... aber dann kamen sie so häufig und regelmässig, eigentlich fast andauernd, und auch noch zum Teil schmerzhaft, dass ich mir nicht mehr sicher war, ob das noch eine Übung ist oder nicht.. Was mich sehr stresste!! Ich bin noch überhaupt nicht parat!! Innerlich nicht, aber vor allem von den Umständen her:

Zuerst will ich zumindest meine Kleider im Schrank haben, der erst noch aufgebaut werden muss. Die Bücherkisten sollen wenigstens bei den noch aufzubauenden Gestellen sein, damit es Platz gibt für den Wickeltisch. Und bis vor drei Tagen hatte ich die Babykleider, die ich bekommen hatte, noch nicht mal ausgepackt, geschweige denn gewaschen und (aus-)sortiert. Zudem: Wir haben noch gar kein Möbel für die Babykleider. Ich wasche sie also, und dann wohin damit? Inzwischen beschloss ich, ein anderes Möbel vorerst umzufunktionieren für Babysachen.

Dasselbe mit den Windeln: Aus ökologischen, gesundheitlichen und finanziellen Gründen wollen wir mit Stoffwindeln wickeln. Das bedeutet aber: Eine grosse Anfangsinvestition! Aber bereits beim zweiten Kind werden wir theoretisch NULL Franken ausgeben müssen fürs Wickeln. Nun, wir bekamen zwei Schachteln voller gebrauchter Stoffwindeln, zum Teil waren die schon für zwei Generationen benutzt worden. Sie sind weder fleckig noch stinken sie, aber sie sind deutlich benutzt. Dafür sind sie umso saugfähiger. Nichtdestotrotz ist dieses altbewährte System eher "klobig", gross,.. - unschön. Es gibt heute so wunderschöne, herzige und unterschiedliche Stoffwindelsysteme, dass man am liebsten grad alles kaufen würde.

Was also tun? Endlich hatte ich mal Zeit, mir alles in Ruhe anzuschauen. Alles uralte, das mich fast ein wenig grauste, sortierte ich direkt aus. Ich konnte aber zum Teil den Saugkern - häufig ein Gazetuch - rausnehmen und waschen. Das werde ich dann zusammen mit dem Neuen wiederverwenden. Anderes war zwar deutlich gebraucht, aber immer noch gut, praktisch, und perfekt kombinierbar mit neuen Überhöschen. Bloss sind sie zu gross für ein Neugeborenes. Unsere Kompromisslösung:

- Für den Beginn brauchen wir das "Faltwindelsystem": Das heisst, das Baby macht sein Geschäft auf eine saugkräftige Einlage - "Nuscheli", Baumwoll/Bambus/Hanf-Einlage. Diese Einlage wird ja dann nass und schmutzig. Sie ist also umhüllt von einem Überhöschen, welches alles Nasse drinnen behält. Wir hatten Plastik-Überhöschen erhalten, die schon seit gefühlt 1792 in Gebrauch waren. Weg damit! Wir bestellten uns nun für ein halbes Vermögen neue, die aber erstens viel besseres Material sind - angenehmer für alle - zweitens sehr hübsch und herzig aussehen mit ihren verschiedenen Mustern und Farben, und drittens sehr gut im Schnitt sind: Nicht so riesig und doch bequem und satt anliegend. Von diesen haben wir nun genug, bis das Baby so 4.5 kg. schwer ist. Für die Einlagen bestellten wir ein paar neue, aber benutzen vor allem all die Sachen, die wir bekommen hatten. Die wurden und werden alle noch von mir gewaschen und dann schön vorgefaltet.
- Wenn das Baby grösser ist - und es wird schnell 4.5kg erreicht haben - steigen wir um auf das "Höschensystem". Das sind fertige Stoffwindeln, von denen wir ziemlich viele erhalten haben und wohl keine oder nur wenige dazukaufen müssen. Über die kommen auch Überhöschen, die wir noch neu bestellen müssen, weil wir ja die grössere Grösse brauchen werden.  Danach sollten wir aber ausgerüstet sein, und da wir alles in neutralen Farben bestellen, werden wir es auch für die nächsten paar Kinder weiterbenutzen können!

Zudem werden wir probieren, auf die Zeichen des Babys zu achten. Merken wir, dass es mal muss, vor allem gaglen, ziehen wir die Windel aus und halten es über ein Töpfchen. Ich hab schon von einigen Bekannten gehört, dass es oft sehr gut funktioniert, und dass Neugeborene sich nicht gern entleeren, wenn sie dann darin liegen müssen. Das ist wie natürlich angeboren. Das in-Windeln-machen wird eigentlich anerzogen, und muss dann später wieder aberzogen werden. Wir werden's sehen! Aber je öfter das Abhalten funktioniert, desto weniger Windeln werden wir brauchen und desto weniger Wäsche haben.

Eine komplett neue Welt für mich, aber so langsam langsam beginne ich, mich damit auszukennen..

Dienstag, Juli 14, 2015

Die schnellste Kellnerin der Welt

Am Freitagabend gingen wir alle zusammen auswärts essen. Der Produzent nahm uns in dieses Untergrund-In-Restaurant irgendwo in Portland unter einer Autobahnbrücke, vollgepackt mit den unterschiedlichsten Menschengruppen: Familien mit Babies, tätowierten biertrinkenden Männern, verliebten Pärchen, Geburtstage,..  Wir waren eine Gruppe von 8 Leuten, und ich sass ganz am Rand, während unsere Konversation am entgegengesetzten Ende zentriert war. Somit musste ich mich immer richtig reinlehnen, um überhaupt etwas zu verstehen. Das gute daran war, dass ich viel Zeit hatte, das Restauranttreiben zu beobachten. Was mich als Serviceangestellte immer interessiert. Schon recht bald stach mir eine bestimmte Kellnerin ins Auge. Sie schien mehr eine Art "Unter-Kellnerin" zu sein, denn alles was sie tat, war, überall Wasser nachzuschenken (das ist Standard in praktisch allen Restaurants: Gratis Hahnenwasser) und leere Teller abzuräumen.

Sie schien extrem jung, vielleicht 17, aber das täuschte vielleicht auch, weil sie so klein und dünn war. Sie hatte lange, braune, leicht gelockte Haare, die zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden waren. Während alle anderen Kellner und Kellnerinnen herumliefen, bewegte sie sich in einer Mischung aus Rennen und Tanzen fort. Ihr Pferdeschwanz wippte wild auf und ab. Tanzen wohl deshalb, weil sie sich in Windeseile um entgegenkommende oder zu langsam ihr vorangehende Leute herumschlängelte.

Noch nie habe ich eine Kellnerin wie sie gesehen. Sie nahm ihren Job derart ernst, dass ich kaum meinen Blick von ihr abwenden konnte. Das Restaurant war recht gross und jeder Platz besetzt, mit einer Warteschlange draussen. Dennoch konnte ich kaum mehr als zwei Schluck Wasser trinken, bevor sie schon herangewippt kam, um nachzuschenken. Dies tat sie mit soviel Schwung, dass regelmässig ein grosser Gutsch Wasser daneben ging und das Tischtuch tränkte. Und wenn nicht, dann war das Glas wirklich bis zum obersten Rand voll. Ich übertreibe nicht! Ich schaffte es nie, das Glas halbleer zu trinken, so oft ich es auch versuchte, grad extra. Am Ende musste ich so dringend auf Klo, dass ich meine Versuche bereute.

Auch beim Abräumen war sie eine Wucht: Kaum hatte man die letzte Gabel voll in den Mund gesteckt, war die junge Dame schon zur Stelle und riss den Teller weg. Sie hatte auch keinerlei Hemmungen, direkt auf dem Tisch alles auf- und ineinanderzubeigen, was irgendwie leer aussah, und es dann auf ihre schon mit leerem Geschirr vollen Arme raufzubugsieren, so dass man Angst hatte, der Berg dreckigen Geschirrs würde gleich auseinanderbrechen. Aber sie schaffte es jedesmal. Meine Tischnachbarn wehrten sich.. Sie wollte ein praktisch leeres Weinglas abräumen - das Paar war noch mitten am essen - als die Frau es packte und zur Kellnerin sagte, es habe imfall noch einen kleinen Schluck drin. "Sorry". Die Frau zog die Augenbrauen hoch und sagte zu ihrem Partner: "She's going for it..!". Und kaum hatte sie den letzten Tropfen Wein getrunken, war die Kellnerin da und schnappte sich das Glas. Bevor sie wieder mit einem übervollen Krug Wasser heranbrauste und uns allen überfliessend und in atemberaubendem Tempo einschenkte.

Auch wenn dieser Text das Potential hat, sie lächerlich darzustellen oder zu übertreiben - nichts davon ist meine Absicht. Ich war einfach extrem fasziniert von ihr und konnte es kaum glauben. Ich glaube, ich habe noch nie jemanden schneller arbeiten sehen.

Als ich am Schluss so dringend auf Klo musste, und es nicht fand, war sie plötzlich neben mir und zeigte mir den Weg. Ich drehte mich um und strahlte sie an: "You are the most amazing waitress I have ever seen!"

Montag, Juli 13, 2015

Northwest is best

Amerika. Hin- und hergerissen bin ich in meinen Gefühlen. Wenn ich Zeitungsberichte lese über Polizeibrutalität und Gefängnisrealität hier, dann möchte ich nie mehr wieder hier einreisen. Aber wenn ich da bin und durch die Strassen laufe, Menschen hier begegne, möchte ich nie mehr wieder weg. Ich bin hier ja nie in derselben Realität wie diejenigen, die hier wohnen. Ich muss nicht arbeiten und verdienen gehen. Ich kann gemütlich ein paar Blocks rauflaufen und mir einen iced decaf soy latte kaufen in der lokalen kleinen Kaffeerösterei, und dann den ganzen Tag herumhängen, wenn ich will. Und das mache ich. Wann war das letzte Mal, wo ich so wenig gearbeitet habe? Es fühlt sich komisch an. Ein Kind zu wachsen ist in diesem Monat meine Hauptbeschäftigung. Und es wächst - der Bauch ist schwer geworden, ich kann mich nicht mehr auf meinen Knien aufstützen beim Sitzen, auf dem Rücken liegen tut weh, auf der rechten Seite liege ich dem Kind auf dem Kopf und es reklamiert, zudem rutscht dann das ganze Baby schmerzhaft in meine rechte Seite hinein und zieht alles mit sich. Auf der linken Seite geht noch am besten, aber mit der Zeit zieht es auch dort alles mit sich nach links, das Kind rutscht in die Mitte. Lustig, mal sowas zu erleben.

Von meinem Fenster aus sehe ich, wie ein obdachloser Mann die Mülltonnen nach Pfandflaschen und -dosen durchforstet. Was kann ich tun, was soll ich tun?

Ich schaue auf google maps nach, welche Gemeinden es in meiner Umgebung hat. Inzwischen bin ich nämlich ganz alleine hier. Zufällig entdecke ich eine Vineyard church, die erst noch sehr gut per Bus erreichbar ist. Im Bus sitze ich mit Leuten, denen es so egal ist, was andere von ihnen denken. Wie sie angezogen sind, wie sie ihre Haare tragen. 60-jährige Männer mit schulterlangem Haar und Bart, Jeans-Gilet und extravaganten Ketten, diskutieren, wie sie damals nach ihrem Gefängnisaufenthalt per Autostop herumgereist sind. Der Busfahrer ist auch Teil ihrer Unterhaltung. Ich ziehe am Seil, das innen an den Seitenwänden des Busses entlangführt. Der Bus hält an und ich steige aus.

In der church, die hier sehr klein ist, falle ich natürlich sofort als Neue auf und werde angesprochen. Am Ende des Gottesdienstes habe ich eine ganze Zeile neuer Freunde, die allermeisten davon sind über 60. Mit einem extrem herzigen Paar, das seit 56 Jahren verheiratet ist, gehe ich noch mittagessen.

Heute will ich es mal wagen, per Bus nach Portland zu fahren. Ohne Strassenkarte, ohne Internet unterwegs. Ich habe mir die wichtigsten Strassen mit Kugelschreiber in mein Notizheft gezeichnet und die Bus-Abfahrtszeiten. Am Abend werde ich packen und morgen abfliegen.

Grüsse aus dem Pazifik-Nordwesten!

Montag, Juli 06, 2015

Verrücktes Unternehmen als Musikerfrau

Die Worshipband meines Mannes, in der auch meine anderen beiden MitbewohnerInnen und zwei Freunde sind, ist gerade das Wunder am erleben, dass sie dank einem erfolgreichen Crowdfunding ihr zweites Album in den USA aufnehmen können. USA, weil ihr Wunschproduzent dort ein Studio hat und mit ihnen zusammenarbeitet. Gianni's Onkel wollte die Band auch unterstützen und ihnen seine vielen Flugmeilen abtreten, die er durch Geschäftsreisen gesammelt hat. Aber genau im Zeitraum, wo die Band fliegen musste, hatte es keine Meilentickets mehr. Also nutzte ich die Gunst der Stunde, und buchte einen Flug für mich... eine Woche später als die Band, und drei Tage nach der Band zurück. Kurz vor der Woche, ab der die meisten Fluggesellschaften keine Schwangeren mehr mitnehmen.

CRAZY!!!!

Unglaublich, Ende letztes Jahr spinnten wir mit der Band herum, wie krass es doch wäre, mit diesem Produzenten zusammenzuarbeiten. Wenn man unglaublich verrückt wäre, könnte man ihn ja mal anschreiben.. Und aus dieser ersten verrückten Kontaktaufnahme entwickelte sich dann so viel! Zuerst ein Skype-Coaching für's Songwriting, dann die Idee, ihn einzufliegen, und schlussendlich der Schritt aus dem Boot aufs Wasser, Geld zu sammeln, um die ganze Band nach Portland, Oregon, zu fliegen. Wir alle wussten, das geht nur, wenn es gehen soll, wenn Gunst dabei ist, wenn es übernatürlicherweise möglich wird. Und das Geld kam zusammen. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viel Grosszügigkeit erlebt! Nur etwa 100 Personen brachten den Betrag zusammen, was ziemlich krass ist. Mehrere gaben 1'000.-, jemand 2'000.-, jemand gar 5'000.-, aber ich bin auch berührt von der Person, die 5.- gab, oder die vielen 25.- im CD-Vorverkauf.

Und jetzt sitze ich hier im Studio, höre den Song, dessen Entstehung ich in den letzten Monaten von Anfang an miterlebt habe, von der ersten Idee bis zu einem Entwurf für die Melodie. Wir brüteten über dem Text, zählten Vokale, die Autorin verschanzte sich stundenlang und probierte diverse Wörter, Zeilen aus. In der WG diskutierten wir über die Theologie gewisser Songs, daraufhin wurden manche Wörter ausgewechselt, anderes hervorgehoben. Heute wird der Song eingespielt. Nach dem ersten Durchgang tigert der Produzent im Studio herum.. "ok guys, let's try some things out". Er schlägt eine andere Gitarre vor, stellt Effekte ein, geht zum äusserst attraktiven Pianisten und studiert an der Notenfolge herum. Absolut faszinierend für mich, das mal live mitzuerleben. Ich merke, wieviel Arbeit hinter einer CD steckt oder stecken kann.

Und das Reisen als Hochschwangere? Ich musste mir selbst eine Thrombose-Prophylaxe-Spritze in den Oberschenkel jagen, was auf einem WC im Pariser Flughafen besser ging als erwartet. Dann stand ich zuhinterst in der Schlange für ins riesige A380-Flugzeug, als plötzlich eine Sicherheitsangestellte auftauchte: "are you pregnant? Come with me!". Ups, dachte ich, jetzt will sie mich interviewen, ob ich vorhabe, das Kind in den USA zu bekommen... aber nein, keine zwei Minuten später sass ich als eine der allerersten schon im Flugzeug, und der Flugbegleiter brachte mir sofort ein zweites Kissen, damit ich es zwischen Bauch und Gurt klemmen könne. Ich verbrachte die nächsten zwölf Stunden damit, unglaubliche Mengen an Wasser zu trinken, mindestens 10x die Toilette aufzusuchen und dort auf engstem Raum alle möglichen und unmöglichen Gymnastikübungen zu machen. Ausserdem schaute ich drei Filme, darunter "12 years a slave", in dessen Verlauf ich mehrmals Szenen vorspulen musste, weil es so schrecklich war, und an dessen Ende ich tränenüberströmt und in mein Taschentuch schluchzend dasass.

In San Francisco wartete schon mein Cousin, und fuhr mich in dreieinhalb Stunden nach Redding. Nach Hause. Ich musste fast weinen, und wollte nie mehr wieder weg. Freitagabend, direkt ins Bett, Samstag traf ich drei Freundinnen, es war der 4. Juli, Nationalfeiertag, am Abend ein RIESEN Feuerwerk, so liess ich es mir erzählen, ich hörte noch ein paar dumpfe Explosionen als ich ins Koma fiel. Die Band war inzwischen von Portland runtergefahren (7h). Sonntagmorgen: Gottesdienst in Bethel, wo ich bitterlich den Tod eines Bekannten beweinte, endlich beweinen konnte, der am Freitag in Deutschland beerdigt worden war.

Dann Mittagessen, Einkauf für die Reise, und eine 8-Stunden-Fahrt in den Norden. Als wir um Mitternacht ankamen, war ich so durch mit meinen Kräften, dass ich nur noch den Tränen nahe herumklagte, es wäre besser gewesen, ich wäre einfach in der Schweiz geblieben, und überhaupt war alles schrecklich, ich musste ständig auf Klo und hatte Rückenschmerzen. Heute Morgen sah dann alles anders auf, als ich als andere Person aufwachte :-)


Liebe Grüsse aus Portland!


Donnerstag, Juni 18, 2015

Eine Reise an die Aussengrenze und zurück

Malta. Bevor wir unseren Flug dorthin buchten, war mir ehrlich gesagt nicht 100% klar, dass das ein eigener Staat ist. Also schon. Aber irgendwie doch nicht wirklich?
Doch. Im Laufe der Zeit von unterschiedlichesten Gruppen, Kulturen, Religionen und Ländern besucht und besetzt, bis vor einigen Jahrzehnten dann britische Kolonie, ist Malta heute unabhängig. Landessprachen Maltesisch und Englisch. Maltesisch klingt wie arabisch mit einem süditalienischen Einschlag. Malta besteht aus drei Inseln: Malta, Gozo und dem kleinen Comino, das in der Mitte zwischen den beiden andern liegt. Alle drei nahe beieinander. Manche Gegenden Maltas sind zu Partyorten verkommen, England's Ibiza, billige Easyjet-Partyboot-Kompaktferien. An anderen Orten sind Abgeschiedenheit, wilde Natur und Ruhe zu finden. Ganz besonders auf Gozo. Dort ist alles etwas entspannter, einfacher, natürlicher. Was uns das Buchen einer Unterkunft einfach machte.

Der erste Tag in Malta war eher stressig. Nach dem Abholen des Mietautos, das nur so spottbillig zu haben war, weil wir uns gegen die 29 Euro pro Tag Versicherung entschieden (dafür das ganze Risiko trugen..), mussten wir uns erst einmal an den Linksverkehr gewöhnen. Zudem sind die Strassen in Zuständen, die ich bisher in Europa noch nie erlebt hatte. Auch ist innerorts, auf engsten, kurvigen Gässchen, zwar überall "SLOW" auf dem Boden markiert, aber dies immer gleichzeitig mit einem "60 km/h"-Geschwindigkeitsschild...  Wir fanden aber schlussendlich unseren Weg in den Süden der Insel. Ich wollte so nah wie nur möglich an Afrika ran. Wir fuhren durch so kleine Strässchen, zwischen einmeter hohen Mauern aus aufgeschichteten Steinen hindurch, dass unser kleines Auto links und rechts von Gestrüpp verkratzt wurde und wir durch die Schlaglöcher richtig durchgeschüttelt wurde. Mir war noch Tage danach übel. Irgendwie erreichten wir den südlichsten, allersüdlichsten Punkt der Hauptinsel. Praktisch kein Punkt Europas - ausser einer kleinen, unbekannten griechischen Insel - ist so nah an Afrika dran wie der Fleck Erde, auf dem wir standen. Ich schaute aufs Meer und wusste, irgendwo da draussen treiben vermutlich jetzt gerade hunderte von Flüchtlingen, ohne Trinkwasser, ohne Nahrung, Männer, Frauen, Kinder. Schwangere. Mit kleinen Bauchbabies, so wie meins, das gerade kickt. Wir verbrachten eine Zeit damit, zu beten, Busse zu tun, auch stellvertretend, und Segen auszusprechen.



Am Abend befanden wir uns schon auf Gozo, ganz im Norden. Wir hatten eine kleine, einfache, und nicht ganz saubere Einzimmerwohnung zur Verfügung, mit einer einzigen verbeulten und verbrannten Pfanne, deren Stiel fast abfiel. Aber wir waren froh, hier sein zu dürfen, kochen zu können, uns erholen zu können. Mein erster richtiger Urlaub seit 2004, als ich in Korsika war, oder 2006 in den USA. Gut, dann nochmal eine Woche in Polen. Anyway.

Jeden Tag nahmen wir es gemütlich. Meist verliessen wir die Wohnung erst am Nachmittag. Wir wollten nicht stressen, um möglichst alles anschauen zu können. Lieber genug schlafen, ausgiebig frühstücken, versuchen, ein offenes wifi von einem Nachbarn zu erwischen, uns überlegen, was wir heute tun möchten. Wir besuchten steile und adrenalinauslösende Klippen, wo ich meine Serie "Pinkeln mit bester Aussicht" weiterführte (bisher: Blick auf den Pazifik in Kalifornien, und Blick von der Alp in den Nationalpark im Graubünden).


Wir besuchten DIE Touristenattraktion der Insel, die wirklich äusserst schön war. Besonders schön war, dass dort nichts ausgeschildert war; man musste über schroffe Felsen klettern, halb durch Wasser waten, und nirgends gab es Zäune oder Warnhinweise. Herrlich. Gleich am nächsten Tag kauften wir uns so Wasserschuhe, die absolut beste Investition für diese Insel, auf der es nur gerade drei kleine Sandstrände gibt.

 Noch ohne diese Schuhe entdeckten wir auch per Zufall eine abgelegene, klitzekleine Bucht, nur durch runterklettern erreichbar. In Flipflops wateten wir ins stille und klare Wasser hinein, immer am aufpassen, nicht auf einen Seestern zu treten. Magisch. Dann ging Gianni schnorcheln und ich beobachtete für die nächste Stunde, wie Vogeleltern abwechselnd Futter zu ihren Jungen im Nest brachten. Faszinierend.

Auch nach Comino gingen wir, das sei ein absolutes Muss, dort gäbe es eine blaue Lagune, unvergleichlich schön. Ok, sie war wunderschön. Aber vollllller Touristen. Man sass sozusagen übereinander in der prallen Mittagssonne. So suchten wir uns ein Plätzchen abseits, aber die Bucht war voller grosser Partyboote, auf denen billige Technomusik lief und halbnackte Teenager tanzten, grölend und irgendwas trinkend. Von all diesen Atmosphären hatte ich irgendwann so genug, dass wir das nächste Boot zurück nach Gozo nahmen. Ich war total frustiert ob dieser Zeit- und Geldverschwendung. Zum Glück fanden wir danach einen ganz kleinen Strand, auf dem ich die Ruhe und den Frieden richtig spürbar aufsaugen konnte. Etwas Gutes hatte der Ausflug nach Comino jedoch. Eigentlich wollten wir vor dem grossen Ansturm schon am Vormittag hinfahren. Schliesslich wurde es aber 13 Uhr. Auf unserem Boot mit etwa 20 Plätzen waren aber nur 4 Leute. Wasser spritzte rein, somit setzte ich mich auf die andere Seite neben eine fremde Frau, und wir kamen ins Gespräch. Es war nur eine 10-minütige Überfahrt, aber ich erfuhr, dass sie aus New York hierhergekommen war, weil sie gerade ihre Chemotherapie beendet hatte und Erholung brauchte. Auf Comino angekommen verabschiedeten wir uns, und ich sagte ihr noch so "..and no more cancer!!". Darauf sie so, nun, ihre Art Krebs sei unheilbar, und jede Therapie sei höchstens lebensverlängernd, aber sie habe maximal noch 10 Jahre, wenn's gut gehe. Es sei Blutkrebs, somit bestehe sie eigentlich aus Krebs, haha, tja.. Eine riesen Bitterkeit war zu spüren. Wir waren zu dem Zeitpunkt schon auf einem engen Pfad inmitten von hunderten von Touristen eingepfercht.  Ich fragte sie, ob ich jetzt gleich für sie beten könne. Sie bejahte und sagte, gerade vor zwei Monaten habe sie sich taufen lassen!! (Vor drei Monaten bekam sie die Diagnose). Ich legte ihr die Hand auf die Schulter und betete, setzte die Heilkraft ihres Schöpfers frei, befahl dem Krebs, zu gehen. Dann verabschiedeten wir uns, beide tief gerührt, also jedenfalls ich, aber ich glaube, sie auch. Wow... Susann heisst sie..


In der Hauptstadt gab es einen Bioladen, dort deckten wir uns mit tonnenweise Gemüse und Früchten ein. Ausserdem kauften wir uns ein Tupperware, und kochten somit jeden Vormittag für uns, brachten dann das Essen mit und assen es irgendwo unterwegs. Super.

Gegen Ende unserer Zeit lief uns eine Hündin zu, die herren- und obdachlos zu sein schien. Sie brauchte weniger Nahrung/Wasser, aber vielmehr Zärtlichkeit und Liebe. Dies versuchten wir ihr so gut wie möglich zu geben... ..ohne dass wir sie richtig aufnehmen konnten. An unserem letzten Tag verbrachten wir Stunden damit, ein Tierheim ausfindig zu machen. Inklusiv Besuch bei der Polizei, was wirklich amüsant war, da vor uns am Schalter ein älterer Mann zusammen mit dem Besitzer eines Brillengeschäfts war, und die beiden vor dem Beamten ihre unterschiedlichen Standpunkte vorbrachten, wer jetzt wem warum 380 Euro schuldet. Das Tierheim fanden wir, aber es waren nur Hunde dort, die laut bellten, kein Mensch weit und breit, also mussten wir wieder abziehen. Zum Glück fanden wir dann heraus, dass unsere nette Nachbarin die Hündin auch entdeckt hatte und ihr sogar regelmässig Futter brachte, und sie kontaktierte dann das Tierheim. Es ist zur Zeit voll, und das Risiko ist natürlich, dass sie die Hündin, sollte sie nicht adoptiert werden, irgendwann einschläfen werden. Was wir alle nicht wollten! Hmm.. was ist besser? Sie auf der Strasse lassen und gelegentlich füttern? Oder Tierheim mit dem Risiko, dass sie irgendwann getötet wird? Schwierig... Gianni und ich würden sie liebend gerne adoptieren. Es ist immer noch eine Option. Einfach nicht jetzt gerade, kurz vor unserem Umzug, kurz vor dem Baby,......

Auf dem Rückweg zum Flughafen landeten wir total zufällig in einer historischen, touristischen kleinen Stadt. Und wer kam gleichzeitig mit uns an, mit einem Tross von etwa 20 schwarzen Limousinen und Kastenwägen, vielen Polizeiautos und zuhinterst einer Ambulanz mit Blaulicht, dazu unzähligen Polizeimotorräder? Der Sekretär der kommunistischen Partei Pekings, also einer der absolut mächtigsten Männer Chinas. Wow. Er lief zweimal etwa 2m vor mir vorbei, mit einer ganzen Schar von chinesischer Delegation, Übersetzern, maltesischen Politikern, Sicherheitsleuten, Journalisten, Stadtführerinnen,.... eindrücklich.

Die berührendste Begebenheit aber hatten wir zurück in der Schweiz. Ich wollte ja vor allem auch nach Malta, weil mich die Schicksale der Flüchtlinge so berühren, die ihr Leben riskieren, um nach Europa zu gelangen. Auf Malta konnte ich beten. Ich sah auch MigrantInnen, aber hatte keine wirkliche Begegnung mit ihnen. Zurück in der Schweiz fuhren wir von Zürich nach Bern. Der Kontrolleur kam, und die Frau vor uns im Abteil hatte kein Billet. Auch keine Papiere zur Identifikation. Und an Geld nur 10 Euro. Spätestens da wurde mir klar, um was es wahrscheinlich geht... sie war schwarzer Hautfarbe, hatte an Gepäck nur eine kleine Tasche bei sich. Sie war etwa 25-30 Jahre alt und reiste allein. Der Kondukteur verhielt sich extrem respektvoll, ehrend und so menschlich wie auch professionell. Er müsse wohl in Bern die Polizei beiziehen, da sie sich nicht ausweisen könne und keine Schweizer Adresse habe, ob das ok sei für sie? Sie nickte. Gianni und ich beratschlagten währenddessen und ich ging dann zum Kondukteur und fragte ihn leise, ob wir nicht ihr Ticket plus die Busse bezahlen können. Er sagte sofort, das sei super, somit sei nämlich das Thema erledigt und die Busse würde er nicht berechnen. Ahh! Er ging zu ihr und erklärte ihr die neue Situation, und fragte sie, von wo bis wo sie reise. Sie sagte, sie sei aus Italien gekommen. Und wohin fahren Sie? Sie zuckte mit den Schultern. Sie wisse nicht, wohin. Wow. Der Kontrolleur kam dann zu uns und sagte, in dem Fall sei es wohl auch für sie das beste, wenn er sie der Polizei übergebe. Somit käme sie in ein Erstaufnamezentrum und habe zumindest einen Ort, um sein zu können. Wir stimmten mit ihm überein, auch wenn uns ihr Schicksal zutiefst berührte und wir sie am liebsten einfach zu uns genommen hätten, aber wir haben ja nicht mal ein Gästezimmer. So setzte ich mich danach noch zu ihr, hiess sie herzlich willkommen in der Schweiz, und sagte ihr, dass Gianni und ich ihr alles Beste wünschen hier, dass es ihr gut ergeht bei uns, und Gottes Segen. Sie begann zu weinen, ich auch fast, und dann kamen wir auch schon in Bern an. Ich möchte gar nicht daran denken, was sie schon alles durchgemacht haben muss, bevor sie in Bern landete.

So reisten wir an die Aussengrenze Europas und die Grenze reiste dann mit uns zurück ins Herzen der Schweiz, wo sie ebenso existent ist, wo aber auch Berührungen von Menschen unterschiedlichster Herkunft und Geschichte jederzeit möglich sind.

Merci für's Lesen!

Sonntag, Juni 07, 2015

Wenn es still ist innen

Seit einigen Wochen fühle ich richtig gut, wie sich das Baby im Bauch bewegt. Ich weiss zwar nie, war das jetzt ein Tritt, ein Boxschlag, oder Schluckauf? Das komischste ist, wenn es sich irgendwie dreht. Dann macht die halbe Bauchdecke Wellenbewegungen. Ganz am Anfang begann ich das Baby dann zu spüren, wenn ich ruhig im Bett lag oder im Zug sass. Auch später hatte es dann am meisten Party, wenn ich mich hinlegte. Oder halb im Verlauf einer Mahlzeit. Oder nachdem ich meine Blase entleert hatte.

Gerade darum genoss ich es immer, mich abends ins Bett zu legen und das Schauspiel zu geniessen. Zu connecten. Ein bisschen zurückzudrücken. Versuchen, herauszufinden, wie es gerade liegt. Wobei ich einfach nur wusste, hier ist "Baby", aber nicht unterscheiden konnte zwischen Po, Kopf, Rücken, Fuss,...

Am Freitag, als ich von der Hitze erschlagen im Bett lag, fiel mir auf, dass ich es sehr wenig spüre. Auch am Freitagabend, als ich zuerst eine richtig hammerfeine Falafel ass, dann auf eine Party ging und mich später hinlegte, spürte ich es sehr sehr wenig. Am Samstag arbeitete ich (draussen) und spürte es dann auf der Heimfahrt im Zug wider Erwarten gar nicht, und komischerweise auch nicht, als ich daheim ein kühles alkoholfreies Bier trank. Auch nicht, als ich ins Bett ging. Auch nicht, als ich leicht nervös wurde und tief in meinen Bauch drückte und das Baby "schüttelte" und mich halb auf den Bauch legte... ok, bei letzterem reklamierte es ein bisschen. Aber nicht so wie sonst, wenn es stüpft, wenn ich schon nur ein Buch auf dem Bauch abstütze. Hmmm... ich war ein bisschen beunruhigt, aber schlief dann ein.

Am Sonntag ging es grad so weiter. Ich erwachte früh - nichts - rannte auf den Zug - eine Stunde Zugfahrt lang nichts - lief zur Arbeit, trank dort extra einen kalten Orangensaft - nichts. Ich schüttelte meinen Bauch, liess eine Klingel vor dem Bauch läuten, ging auf Klo.... nichts. Langsam machte sich Panik breit. Aber ich musste anfangen, zu arbeiten.

Im Verlauf des Vormittags arbeitete ich viel und musste schnell sein, aber in mir drin war ein Kampf. "Ruhig bleiben, vertrauen" - "aber was wenn etwas ist??? Hab ich was falsch gemacht?" - "Nicht mit Angst partnern, Gott vertrauen, meinem Körper und Baby vertrauen" - "soll ich ins Krankenhaus? Was, wenn es dann Kaiserschnitt gibt?"  etc. etc.

Schliesslich hatte ich genug und rief meine Hebamme an. Die riet mir, es zeigen zu gehen, vor allem, da ich morgen in die Ferien fahre! Also rief ich auch noch im Spital an. Die sagten auch, ich solle baldmöglichst vorbeikommen, einfach zur Sicherheit. Ich musste aber noch meine Schicht fertig machen, schliesslich war ich allein in der Küche, meine Vertretung weit weg, und draussen 40+ Gäste am brunchen.

Ich schwankte zwischen Ruhe und Zuversicht und Tränen in den Augen mit Panikanflug. Die netten Servicefrauen halfen mir dann beim Verräumen, so dass ich kurz nach Brunchende schon im Zug nach Bern sass. Kaum im Spital angekommen, begann das Baby, sich zu bewegen. Was mich nicht erstaunte. Das passiert mir ständig, solche Arztbesuchgeschichten. Es folgte ein kurzer Untersuch, ein Gespräch und ein CTG, wo während einer halben Stunde die Herztöne und eventuelle Wehen aufgezeichnet wurden.






Alles ok! Es gab auch noch einen Ultraschall, wo auch alles ok war. Es könne die Hitze sein, oder einfach eine Phase, oder es hat sich gedreht und ich spürs deshalb weniger. Uff! Ich hatte zwar schon gedacht, dass wohl alles in Ordnung sein würde, war dann aber schon sehr beruhigt. So kann ich jetzt guten Gewissens in die Ferien fliegen! Mittelmeerinsel, wir kommen!