Montag, Juli 06, 2015

Verrücktes Unternehmen als Musikerfrau

Die Worshipband meines Mannes, in der auch meine anderen beiden MitbewohnerInnen und zwei Freunde sind, ist gerade das Wunder am erleben, dass sie dank einem erfolgreichen Crowdfunding ihr zweites Album in den USA aufnehmen können. USA, weil ihr Wunschproduzent dort ein Studio hat und mit ihnen zusammenarbeitet. Gianni's Onkel wollte die Band auch unterstützen und ihnen seine vielen Flugmeilen abtreten, die er durch Geschäftsreisen gesammelt hat. Aber genau im Zeitraum, wo die Band fliegen musste, hatte es keine Meilentickets mehr. Also nutzte ich die Gunst der Stunde, und buchte einen Flug für mich... eine Woche später als die Band, und drei Tage nach der Band zurück. Kurz vor der Woche, ab der die meisten Fluggesellschaften keine Schwangeren mehr mitnehmen.

CRAZY!!!!

Unglaublich, Ende letztes Jahr spinnten wir mit der Band herum, wie krass es doch wäre, mit diesem Produzenten zusammenzuarbeiten. Wenn man unglaublich verrückt wäre, könnte man ihn ja mal anschreiben.. Und aus dieser ersten verrückten Kontaktaufnahme entwickelte sich dann so viel! Zuerst ein Skype-Coaching für's Songwriting, dann die Idee, ihn einzufliegen, und schlussendlich der Schritt aus dem Boot aufs Wasser, Geld zu sammeln, um die ganze Band nach Portland, Oregon, zu fliegen. Wir alle wussten, das geht nur, wenn es gehen soll, wenn Gunst dabei ist, wenn es übernatürlicherweise möglich wird. Und das Geld kam zusammen. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viel Grosszügigkeit erlebt! Nur etwa 100 Personen brachten den Betrag zusammen, was ziemlich krass ist. Mehrere gaben 1'000.-, jemand 2'000.-, jemand gar 5'000.-, aber ich bin auch berührt von der Person, die 5.- gab, oder die vielen 25.- im CD-Vorverkauf.

Und jetzt sitze ich hier im Studio, höre den Song, dessen Entstehung ich in den letzten Monaten von Anfang an miterlebt habe, von der ersten Idee bis zu einem Entwurf für die Melodie. Wir brüteten über dem Text, zählten Vokale, die Autorin verschanzte sich stundenlang und probierte diverse Wörter, Zeilen aus. In der WG diskutierten wir über die Theologie gewisser Songs, daraufhin wurden manche Wörter ausgewechselt, anderes hervorgehoben. Heute wird der Song eingespielt. Nach dem ersten Durchgang tigert der Produzent im Studio herum.. "ok guys, let's try some things out". Er schlägt eine andere Gitarre vor, stellt Effekte ein, geht zum äusserst attraktiven Pianisten und studiert an der Notenfolge herum. Absolut faszinierend für mich, das mal live mitzuerleben. Ich merke, wieviel Arbeit hinter einer CD steckt oder stecken kann.

Und das Reisen als Hochschwangere? Ich musste mir selbst eine Thrombose-Prophylaxe-Spritze in den Oberschenkel jagen, was auf einem WC im Pariser Flughafen besser ging als erwartet. Dann stand ich zuhinterst in der Schlange für ins riesige A380-Flugzeug, als plötzlich eine Sicherheitsangestellte auftauchte: "are you pregnant? Come with me!". Ups, dachte ich, jetzt will sie mich interviewen, ob ich vorhabe, das Kind in den USA zu bekommen... aber nein, keine zwei Minuten später sass ich als eine der allerersten schon im Flugzeug, und der Flugbegleiter brachte mir sofort ein zweites Kissen, damit ich es zwischen Bauch und Gurt klemmen könne. Ich verbrachte die nächsten zwölf Stunden damit, unglaubliche Mengen an Wasser zu trinken, mindestens 10x die Toilette aufzusuchen und dort auf engstem Raum alle möglichen und unmöglichen Gymnastikübungen zu machen. Ausserdem schaute ich drei Filme, darunter "12 years a slave", in dessen Verlauf ich mehrmals Szenen vorspulen musste, weil es so schrecklich war, und an dessen Ende ich tränenüberströmt und in mein Taschentuch schluchzend dasass.

In San Francisco wartete schon mein Cousin, und fuhr mich in dreieinhalb Stunden nach Redding. Nach Hause. Ich musste fast weinen, und wollte nie mehr wieder weg. Freitagabend, direkt ins Bett, Samstag traf ich drei Freundinnen, es war der 4. Juli, Nationalfeiertag, am Abend ein RIESEN Feuerwerk, so liess ich es mir erzählen, ich hörte noch ein paar dumpfe Explosionen als ich ins Koma fiel. Die Band war inzwischen von Portland runtergefahren (7h). Sonntagmorgen: Gottesdienst in Bethel, wo ich bitterlich den Tod eines Bekannten beweinte, endlich beweinen konnte, der am Freitag in Deutschland beerdigt worden war.

Dann Mittagessen, Einkauf für die Reise, und eine 8-Stunden-Fahrt in den Norden. Als wir um Mitternacht ankamen, war ich so durch mit meinen Kräften, dass ich nur noch den Tränen nahe herumklagte, es wäre besser gewesen, ich wäre einfach in der Schweiz geblieben, und überhaupt war alles schrecklich, ich musste ständig auf Klo und hatte Rückenschmerzen. Heute Morgen sah dann alles anders auf, als ich als andere Person aufwachte :-)


Liebe Grüsse aus Portland!


2 Kommentare:

die Vorgärtnerin hat gesagt…

immer wenn ich es lese, kann ich es nicht glauben.
er ist weg. Einfach so -- weg.
Ich weiß nicht, was das mit mir macht: ich habe kein Wort dafür.

rebbie hat gesagt…

spannend schlomi! wünsche euch noch einen guten Rest der Zeit in Amerika!